Ghostscript-Lücke CVE-2026-39919: Wie ein einziges PDF einen Server übernehmen kann und wer wirklich betroffen ist

Ein als kleines Gespenst verkleidetes Kätzchen unter einem weißen Tuch auf einem Schreibtisch im Serverraum, eine Frau hebt den Zipfel des Tuchs an

Die meisten Menschen haben Ghostscript nie installiert und wissen nicht, dass sie es benutzen. Trotzdem läuft das Programm auf einer riesigen Zahl von Servern im Hintergrund: Es macht aus einem hochgeladenen PDF ein Vorschaubild in WordPress, in Dokumentenmanagementsystemen, in Mail-Gateways und in Diensten nach dem Muster „PDF online komprimieren“. Im September 2026 wurde darin eine Lücke geschlossen, über die ein präpariertes PDF zur Ausführung fremden Codes auf dem Rechner führen kann, der die Datei verarbeitet.

Im Folgenden steht, was sicher bekannt ist, was nicht, wie Sie Ihren eigenen Server prüfen und was die Geschichte für alle bedeutet, die ihre Dokumente zur Verarbeitung ins Netz schicken.

Kurz gesagt

  • Die Lücke: CVE-2026-39919, ein Heap-Pufferüberlauf in der JPEG-2000-Verarbeitung von Ghostscript. Ein PDF mit einem passend vorbereiteten Bild genügt, um sie auszulösen.
  • Betroffene Versionen: laut den Entdeckern 9.21 bis 10.07.1 (der CVE-Eintrag sagt allgemein „vor 10.08.0“).
  • Die Korrektur: Ghostscript 10.08.0, veröffentlicht am 8. September 2026. Linux-Distributionen portieren die Korrektur in ältere Versionsnummern zurück. Entscheidend ist daher die vollständige Paketrevision, nicht das, was gs --version ausgibt.
  • Schweregrad: 9,8 nach CVSS 3.1 laut CVE-Eintrag, 7,8 („Moderate“) laut Red Hat. Beide Zahlen sind ehrlich, sie beschreiben unterschiedliche Szenarien.
  • Angriffe in freier Wildbahn: bisher keine bestätigt. Der funktionierende Exploit entstand im Labor und war auf einen bestimmten Build zugeschnitten.
  • -dSAFER schützt nicht. Der Fehler tritt auch bei aktivierter Sandbox auf.

Was passiert ist

Entdeckt hat die Lücke Wordfence, ein Unternehmen für WordPress-Sicherheit, mit seinem KI-gestützten Testsystem Argus. Das war am 23. August 2026, bei einer Sicherheitsprüfung von WordPress 7.1. Das Werkzeug verfolgte eine hochgeladene Datei weiter als bis zum PHP-Code, der sie angenommen hatte: durch die Imagick-Erweiterung, durch ImageMagick, bis hinunter zu Ghostscript und dem JPEG-2000-Decoder ganz unten.

Artifex, die Firma hinter Ghostscript, bestätigte die Meldung am nächsten Tag und veröffentlichte am 8. September die Version 10.08.0 mit der Korrektur. Der CVE-Eintrag erschien am 15. September. Die technischen Details veröffentlichte Wordfence am 12. Oktober, einen Tag später griffen BleepingComputer und die übrige Fachpresse das Thema auf.

Wie der Fehler funktioniert

Man muss kein C können, um das zu verstehen. Ein Bild ist ein Raster aus Abtastwerten. JPEG 2000 erlaubt, dass die Komponenten eines Bildes (zum Beispiel Helligkeit und Transparenz) unterschiedliche Auflösungen haben und ein einzelner Abtastwert weniger als 8 Bit belegt. Bei 2-Bit-Werten passen vier davon in ein Byte.

Im Beispiel der Entdecker enthält eine Bildzeile 1.024 solcher Werte. Gepackt sind das 256 Byte, und Ghostscript reserviert korrekt 256 Byte. Treten aber beide genannten Bedingungen zusammen auf, schreibt die Schleife, die die Zeile füllt, ein ganzes Byte pro Abtastwert, statt vier in ein Byte zu packen. 1.024 Byte landen in einem 256-Byte-Puffer. Die überzähligen 768 Byte jeder Zeile überschreiben Speicher, in dem Ghostscript seine eigenen Verwaltungsdaten ablegt. Und weil diese Bytes aus dem Bild stammen, bestimmt der Ersteller der Datei ihren Inhalt.

Hölzerne Postfächer in einem alten Postamt, in jedem Fach ein Kätzchen, am Ende der Reihe purzeln Kätzchen auf den Boden

Das ist der klassische Weg von „das Programm ist abgestürzt“ zu „das Programm hat getan, was der Angreifer wollte“. Moderne Systeme erschweren diesen Weg erheblich (zufällige Speicheranordnung und weitere Schutzmechanismen), versperren ihn aber nicht vollständig.

Wie ein PDF in WordPress zu Ghostscript gelangt

WordPress zeichnet PDF-Vorschauen nicht selbst. Seit Version 4.7 kann es ein Bild der ersten Seite eines hochgeladenen Dokuments erzeugen, und zwar mithilfe anderer Programme. Die Kette sieht so aus:

WordPress → PHP-Erweiterung Imagick → ImageMagick → Ghostscript

Ghostscript läuft als eigener Prozess, meist unter demselben Konto wie der Webserver. Es startet nur, wenn jemand ein Bild des PDFs anfordert. Ein Formular, das eine Datei auf der Festplatte speichert und sonst nichts damit macht, startet es nie.

Ein Angriff auf diesem Weg setzt voraus, dass alle vier Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind:

  1. jemand von außen (anonym oder mit einem Konto mit geringen Rechten) kann ein PDF hochladen,
  2. die Website fordert eine Vorschau oder ein Vorschaubild dieser Datei an,
  3. auf dem Server gibt es Imagick oder ein anderes Werkzeug, das dafür Ghostscript aufruft, und die Richtlinie von ImageMagick erlaubt das Lesen von PDFs,
  4. das installierte Ghostscript hat die Korrektur nicht.

Ein wichtiger Vorbehalt: Ein Standard-WordPress erlaubt anonymen Besuchern nicht, Dateien in die Mediathek hochzuladen. Ein Angreifer braucht ein Plugin, ein Formular mit Anhangsfeld oder ein Konto, das diesen Weg öffnet. Wordfence prüfte auch das offizielle WordPress-Docker-Image: Es enthielt ein verwundbares Ghostscript 10.05.1, die Imagick-Erweiterung und einen funktionierenden Pfad für PDF-Vorschauen. Für einen anonymen Angriff allein reichte es jedoch nicht.

Ein Detail spielt dem Angreifer in die Hände: Schlägt der erste Versuch, eine Vorschau zu erzeugen, fehl, versucht WordPress es automatisch ein zweites Mal mit anderen Einstellungen. Drei bösartige Anhänge bedeuten also sechs Ghostscript-Aufrufe. Im Test von Wordfence meldete das Formular trotzdem einen erfolgreichen Upload, während Ghostscript im Hintergrund still abstürzte.

Das ist kein Fehler in WordPress oder im Formular-Plugin. Sie waren nur der Weg, auf dem die Datei zu Ghostscript gelangte.

Wie gefährlich ist das wirklich

Hier lohnt es sich, kurz innezuhalten, denn Schlagzeilen wie „ein PDF übernimmt Ihren Server“ sind nur zur Hälfte wahr.

Warum zwei verschiedene Bewertungen. Der CVE-Eintrag vergibt 9,8 von 10 (CVSS 3.1) und 9,3 (CVSS 4.0). Diese Zahlen beschreiben den schlimmsten Fall: eine aus dem Netz erreichbare Anwendung, die PDFs ohne Anmeldung und ohne menschliches Zutun annimmt. Red Hat bewertet dieselbe Lücke mit 7,8 und nennt sie „Moderate“, weil es das Szenario bewertet, in dem ein Nutzer eine bösartige Datei auf seinem eigenen Rechner öffnet. Keine der beiden Bewertungen ist falsch, sie beantworten unterschiedliche Fragen.

Wie viele Versuche, wie viele Treffer. Wordfence baute zwei funktionierende Exploits für seinen Labor-Build und führte sie dann 10.240-mal in zehn anderen Umgebungen aus: Debian, Ubuntu, Fedora, AlmaLinux, Alpine und der offizielle WordPress-Container. Kein einziges Mal hatten sie Erfolg. Auf dem Build, für den sie gebaut waren, funktionierten sie weiter, selbst nach Änderungen an Schriften, Spracheinstellungen und einer zentralen Systembibliothek, wenn auch nicht bei jedem Versuch.

Die Schlussfolgerung hat zwei Seiten. Es gibt keine einzelne Datei, die jeden Server der Welt öffnet. Ein Angreifer braucht aber keine universelle Datei, wenn er ein bestimmtes Unternehmen ins Visier nimmt oder einen Hoster, bei dem Hunderte Websites auf einem identischen System-Image laufen. Die Forscher weisen darauf hin, dass in einem ähnlichen Fall mit der Bibliothek libheif ein anderes Team mit KI-Unterstützung einen Exploit in ein bis zwei Tagen an jedes neue Ziel anpasste.

Mit welchen Rechten. Der Code des Angreifers läuft unter dem Konto, das das PDF verarbeitet, meist dem Konto des Webservers. Das ist nicht automatisch root, aber dieses Konto kann in der Regel die Dateien der Website lesen, einschließlich der Konfiguration mit dem Datenbankpasswort.

Angriffe in freier Wildbahn: Bis zum Zeitpunkt dieses Textes hat niemand eine Ausnutzung dieser Lücke außerhalb eines Labors gemeldet.

So prüfen Sie Ihren eigenen Server

Eine Frau mit Brille am Laptop, neben ihr ein getigertes Kätzchen, das gebannt auf den Bildschirm schaut, auf dem Schreibtisch liegt eine Lupe

Wenn Sie Shell-Zugriff haben, beginnen Sie mit drei Fragen.

1. Gibt es hier überhaupt Ghostscript, und in welcher Paketrevision?

  • Debian und Ubuntu: dpkg -s ghostscript | grep Version
  • Fedora, RHEL, AlmaLinux: rpm -q ghostscript
  • Der Vollständigkeit halber: gs --version, aber diese Zahl allein entscheidet nichts.

Warum reicht die Nummer nicht? Ubuntu 22.04 hat die Lücke im Paket 9.55.0~dfsg1-0ubuntu5.14 geschlossen, das auf die Frage nach der Version weiterhin „9.55.0“ antwortet. Debian 13 hat die Korrektur in 10.05.1~dfsg-1+deb13u2 (Sicherheitshinweis DSA-6516-1). Red Hat lieferte Korrekturen für RHEL 10, 9 und 8 zwischen dem 1. und 6. Oktober aus. Laut dem Debian-Tracker ist Debian 12 (bookworm) weiterhin als verwundbar markiert. Vergleichen Sie immer mit dem Sicherheitshinweis Ihrer Distribution.

Es gibt auch eine Falle in die andere Richtung: Der Release Candidate von 10.08.0 meldet sich als 10.08.0 und enthält die Korrektur nicht. Genau darauf lief die Testmaschine von Wordfence. Wenn Sie Ghostscript aus dem Quellcode gebaut haben, vergewissern Sie sich, dass es die finale Version ist.

2. Hat PHP Imagick? php -m | grep -i imagick. Im WordPress-Dashboard: Werkzeuge → Website-Zustand → Bericht → Medienverarbeitung. Das ist nur ein Ausgangspunkt: Es zeigt, ob Imagick PDF erkennt, sagt aber nichts darüber, ob Ghostscript gepatcht ist.

3. Darf ImageMagick PDFs lesen? convert -list format | grep -i pdf (unter ImageMagick 7: magick -list format). Die Buchstaben rw neben PDF bedeuten, dass der Weg zu Ghostscript offen ist.

Container: Ein Neustart genügt nicht. Ziehen Sie ein aktualisiertes Basis-Image, bauen Sie ohne zwischengespeicherte Schichten neu und deployen Sie erneut.

Shared Hosting: Das können Sie meist nicht selbst prüfen. Stellen Sie Ihrem Anbieter zwei Fragen: Enthält das Ghostscript-Paket auf seinen Servern die Korrektur für CVE-2026-39919, und werden von Kunden hochgeladene PDFs irgendwo auf seinen Systemen in Vorschauen umgewandelt?

Wenn Sie nicht sofort aktualisieren können

  • Nehmen Sie keine PDFs mehr von anonymen Besuchern und Konten mit geringen Rechten an. Eine Datei, die den Server nie erreicht, erreicht auch Ghostscript nie.
  • Deaktivieren Sie das Lesen von PDFs in der Richtlinie von ImageMagick. Fügen Sie in der Datei policy.xml (meist unter /etc/ImageMagick-6/ oder /etc/ImageMagick-7/) im Abschnitt <policymap> die Zeile <policy domain="coder" rights="none" pattern="{PS,PS2,PS3,EPS,PDF,XPS}" /> hinzu. Nebenwirkung: WordPress erzeugt keine Vorschaubilder für PDFs mehr.
  • Begrenzen Sie die Zahl der Dateien pro Einsendung und die Häufigkeit von Uploads. Das verringert die Zahl der Versuche, die ein Angreifer bekommt, behebt aber nichts.
  • Isolieren Sie die Dokumentkonvertierung in einem separaten Dienst ohne Zugriff auf die Geheimnisse der Website und ohne unnötige Netzwerkverbindungen. Das begrenzt den Schaden, ist aber ebenfalls keine Korrektur.

Was Sie nicht tun sollten: -dSAFER nicht als Schutz betrachten. Die Sandbox von Ghostscript schränkt ein, was ein Dokument mit dokumentierten PostScript-Funktionen tun darf. Vor Speicherbeschädigung schützt sie nicht, und in den Tests wurde der Fehler bei aktivierter Sandbox ausgelöst. Kein WordPress-Plugin kann das beheben, denn Ghostscript stammt aus dem Betriebssystem oder dem Container-Image, nicht aus WordPress.

Verwechseln Sie diese Lücke nicht mit CVE-2026-65640. Das ist ein anderer Fall: Codeausführung in WordPress über eine hochgeladene PostScript-Datei, die ebenfalls durch Imagick und Ghostscript läuft, aber ein Konto mit Upload-Recht voraussetzt (meist die Rolle Autor oder höher). Sie wurde in WordPress 7.0.4 behoben, mit Rückportierungen bis zum Zweig 4.7.

Das ist nicht nur ein WordPress-Problem

WordPress ist nur einer von vielen Wegen, auf denen das PDF eines Fremden zu Ghostscript gelangen kann. Dasselbe gilt für Dokumentenmanagementsysteme, Druckserver, Rechnungsverarbeitung, Vorschau-Generatoren, Mail-Gateways, die Anhänge prüfen, und Konvertierungs-APIs. Die Frage ist immer dieselbe: Rendert diese Software PDFs, die von jemand anderem stammen?

Den Code der eigenen Anwendung nach dem Wort „Ghostscript“ zu durchsuchen, bringt womöglich nichts. Meist sitzt ImageMagick oder eine andere Bibliothek dazwischen, und erst diese ruft Ghostscript auf.

Was das für das Hochladen von PDFs bedeutet

Die Geschichte hat noch eine zweite Seite, über die seltener gesprochen wird. Ein Dienst wie „PDF komprimieren“, „PDF in Bild umwandeln“ oder „PDFs zusammenfügen“ im Browser ist genau die Art Server, um die es oben geht: Er nimmt Dateien von Fremden an und schickt sie durch Werkzeuge, die sie zerlegen und wieder zusammensetzen. Sie wissen nicht, womit und in welcher Version Ihr Dokument verarbeitet wird und ob nach dem 8. September aktualisiert wurde. Sie wissen aber, dass Ihre Datei zumindest eine Weile auf derselben Maschine liegt wie die Dateien Tausender anderer Menschen, von denen einige präpariert sein können.

Das heißt nicht, dass jeder Online-Dienst löchrig ist. Es heißt, dass Sie einen Vertrag, einen Ausweisscan oder medizinische Befunde an einen Ort geben, dessen Sicherheit Sie nicht überprüfen können. Mehr dazu im Artikel darüber, was mit Ihren Daten bei einer Online-Konvertierung passiert.

Fairerweise muss man sagen, dass lokale Verarbeitung nicht von vornherein immun ist. Wenn Sie PDFs selbst mit Ghostscript komprimieren, aktualisieren Sie es auf 10.08.0 oder neuer. Der Vorteil der Offline-Arbeit liegt woanders: Das Dokument verlässt Ihren Rechner nie, und welche Softwareversion es verarbeitet, entscheiden Sie, nicht jemand, den Sie nie getroffen haben.

Wenn Sie regelmäßig PDFs zusammenfügen, aufteilen, verschlüsseln oder in Word umwandeln, können Sie das tun, ohne sie irgendwo hochzuladen. PDF Manipulator ist kostenlos, läuft unter Windows und Linux, und jede Datei bleibt auf Ihrem Rechner.

Quellen

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